Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Schule ist ein wichtiger Teil unseres Lebens – aber sie darf nicht unser ganzes Leben sein.
Ich weiß, ich wiederhole mich vermutlich, aber mir ist die Notwendigkeit gerade diese Woche wieder besonders bewusst geworden.

Ich predige seit Jahren im Bekannten-, Familien- und Kolleg*innenkreis, wie wichtig neben Beruf und Familie auch ein privater Ausgleich ist. Eine Sache, die sich weder um den Job noch um die Familie oder Freunde dreht – sondern nur um einen selbst.
Ich muss zugeben: Bei mir war das in den letzten Jahren immer nur ein kleiner Punkt. Jeden Freitagvormittag habe ich mir Zeit zum Lesen genommen. Das war durchaus gut und wichtig. Aber erst seit diesem Jahr merke ich, dass das zwar ein guter Anfang war, aber nicht denselben Effekt hatte wie ein festes Projekt, eine feste Aufgabe oder eine neue Herausforderung.
Wie Sie wissen, habe ich im Januar mit dem Italienischlernen begonnen. Mittlerweile bin ich schon im zweiten Kurs. Auch wenn sich meine Anfangseuphorie gelegt hat und es doch eine große Herausforderung ist, eine neue Sprache zu lernen, macht genau diese Herausforderung so viel Spaß, dass ich mich jede Woche auf meinen Donnerstagvormittag freue. An diesem Termin halte ich konsequent fest – selbst in den Schulferien oder wenn die Kinder zu Hause sind. Denn es ist eben etwas anderes als einfach nur Zeit für sich zu haben.
Und verstehen Sie mich nicht falsch: Zeit für sich, in der man lesen kann, puzzelt oder sein Blumenbeet pflegt (wenn einen das entspannt), ist unglaublich wichtig. Aber ein festes Projekt ist noch einmal etwas anderes.
Ich kann inzwischen nämlich auch auf die Frage „Was ist dein Hobby?“ etwas antworten. Früher waren es die Klassiker: Lesen und Kochen. Aber ehrlich gesagt fand ich das immer etwas salopp dahergesagt. Es ist für mich ein Unterschied, ob etwas regelmäßig an einem festen Termin stattfindet, einen auf irgendeine Weise fordert und man es schafft, in diesen 45 bis 90 Minuten gedanklich komplett woanders zu sein.
Früher fand ich es übrigens immer etwas merkwürdig, dass gefühlt jede Lehrkraft, die ich kannte, sich politisch oder ehrenamtlich engagierte. Wie vermutlich viele dachte ich damals: „Die haben wohl einfach viel Freizeit.“ Bei dem einen oder der anderen war das vielleicht tatsächlich so. Aber heute denke ich: Es war wahrscheinlich eine ziemlich gute Strategie, um langfristig gesund – und vielleicht auch glücklich – in diesem Beruf zu bleiben.
Denn es zeigt einem, dass es da draußen mehr gibt als Schule, Probleme, Konflikte und die manchmal frustrierenden Grenzen unseres Systems. Man hat etwas, das man selbst in der Hand hat. Etwas, das man selbst steuern kann. Etwas, das Freude macht, herausfordert und den eigenen Beruf wieder in das große Ganze einordnet.
Ich merke, wie gut mir mein wöchentlicher Sprachkurs tut. Ich sehe tatsächlich eine mentale Veränderung im Vergleich zum letzten Jahr, in dem mein Beruf mich sehr eingenommen hat und mich Schwierigkeiten oft übermäßig belastet oder sogar gelähmt haben.
Natürlich gab es auch dieses Jahr solche Tage. Aber ich habe mich nicht mehr so tief in diese Frustspirale hineinziehen lassen. Stattdessen habe ich mich bewusst auf meine Fortschritte im Italienischen konzentriert. Dort kann ich selbst steuern, wie viel ich investiere, und bekomme oft schon in der nächsten Stunde ein kleines Erfolgserlebnis zurück.
Das hat mir tatsächlich geholfen, manche Frustrationen im Beruf sachlicher zu sehen und mich nicht mehr so ins Taumeln bringen zu lassen wie in den letzten Jahren.
Denn im Job kann ich nun einmal vieles nicht steuern. Egal wie gut ich vorbereitet bin – es spielen unzählige andere Faktoren hinein. Gerade in meiner aktiven Unterrichtszeit haben mich diese Abhängigkeit und die gefühlte Ohnmacht oft unglaublich frustriert. Ich brauchte anschließend immer sehr viel Energie, um mich wieder neu zu motivieren.
Und ich bereue es wirklich, dass ich mich damals so sehr von meinem Beruf habe vereinnahmen lassen, dass ich in dieser Zeit nichts Neues gelernt habe. Rückblickend betrachtet hatte ich damals – verglichen mit heute, mit zwei Kindern – wahnsinnig viel Zeit.
Die eigene Selbstwirksamkeit zu erleben, ist in unserem Beruf leider nur begrenzt möglich.
Falls genau das ein Punkt ist, der Sie manchmal frustriert, dann sage ich Ihnen jetzt einfach ganz frech:
„Suchen Sie sich ein Hobby!“ 😉
Und zwar eines, das Sie mental oder körperlich fordert. Etwas, das Ihnen Freude bereitet und regelmäßig stattfindet. Am besten natürlich ohne Kolleg*innen. 😉
Wie wäre es mit einer Sprache, einem Zeichenkurs, Bouldern, Nähen oder – ganz klassisch wie zu meiner Schulzeit – Tennis?
Und wenn Sie jetzt sagen: „Ich habe dafür keine Zeit.“
Dann sage ich Ihnen: „Das glaube ich Ihnen nicht.“
Melden Sie sich bei mir. Ich finde ein Zeitfenster für Sie.
Herzlichst, Ihre
Sylvia Meran










