Erfahren Sie in diesem Artikel, wie Sie als Lehrkräfte durch den Wechsel vom „Ich muss“ zum „Ich will“ Stress im Schulalltag reduzieren, innere Blockaden lösen und wieder mehr Freude an ihrer Arbeit gewinnen.
In meinem letzten Urlaub habe ich mich selbst dabei erwischt, wie oft ich das Wort „muss“ verwendet habe – obwohl ich im Urlaub ja eigentlich nichts muss. Dieser Moment hat mir noch einmal ganz deutlich gezeigt, wie sehr dieses kleine Wörtchen in meinem Alltag verankert ist.

In den letzten Jahren bin ich, sowohl in meinen Weiterbildungen zum lösungsorientierten Ansatz als auch beim Thema Gewaltfreie Kommunikation, immer wieder über dieses Wort gestolpert. In vielen Modellen zur Problemlösung und zur positiven Wirksamkeit wird „muss“ am liebsten komplett aus dem Wortschatz gestrichen. Und das fand ich lange schwierig und ehrlich gesagt auch ziemlich hoch gegriffen. Denn ich war – und bin es teilweise immer noch – der Überzeugung, dass man manche Dinge halt einfach muss: Putzen, Wäsche waschen, kochen, essen, arbeiten …
Warum „müssen“ oft mehr Druck erzeugt als notwendig
Doch was steckt eigentlich dahinter, auf das Wort „muss“ zu verzichten?
Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass wir eine Entscheidungsfreiheit haben. Dass wir nicht müssen, sondern können oder wollen. Wir wollen einen Konflikt klären. Wir wollen an einem Problem arbeiten. Und wir lassen gleichzeitig zu, dass das Gegenüber ebenfalls Entscheidungsfreiheit hat – also auch „Nein“ sagen oder einen anderen Weg vorschlagen darf.
Ich merke zunehmend, dass dieses „nicht müssen müssen“ nicht nur für Kommunikation, sondern auch für den Alltag und die Arbeit wichtig ist. Es gibt Untersuchungen dazu, dass wir Aufgaben lieber erledigen, wenn wir sie freiwillig tun, ohne inneren Druck, ohne Zwang.
Warum putze ich? Weil ich mich in einer ordentlichen, sauberen Wohnung wohler fühle. Also will ich putzen.
Und das Gleiche gilt für viele andere Haushaltsdinge. Es wartet ja keine Sanktion auf mich, wenn ich die Wäsche zwei Tage später wasche. Ich will in sauberen Sachen aus dem Haus gehen.
Berufliche Herausforderungen für Lehrkräfte: Wenn aus „wollen“ schnell „müssen“ wird
Besonders spannend wird es für mich jedoch im beruflichen Kontext. Aktuell merke ich wieder, wie schnell aus einem inneren „Ich will unbedingt darüber schreiben“ ein „Ich muss noch einen Blogartikel veröffentlichen“ wird. Wie schnell aus Inspiration Pflicht wird. Und das ärgert mich, weil ich mir diese Arbeit ja bewusst ausgesucht habe und sie mir normalerweise riesigen Spaß macht. Und plötzlich muss ich so viel.
Ich glaube, vielen von Ihnen geht es gerade ähnlich, jetzt wo das Jahresende bevorsteht und in Schulen traditionell sehr viel zu tun ist. Sie müssen noch die letzten Arbeiten korrigieren, Sie müssen Adventsaktionen organisieren, Sie müssen Projekte abschließen, Sie müssen Weihnachtsfeiern planen. Und ich frage mich: Gibt es auch hier eine andere Formulierung? Eine andere Sichtweise? In meinem Artikel „Adventszeit ohne Hektik“ finden Sie dazu weitere Anregungen.
Entscheidungsfreiheit trotz Vorgaben: Mehr Spielraum für Lehrkräfte
Natürlich gibt es Vorgaben, Fristen, dienstliche Verpflichtungen. Das lässt sich nicht wegreden. Ihre Entscheidungsfreiheit liegt nicht immer im „Ob“, aber vielleicht öfter, als man denkt, im „Wie“. Und vielleicht auch darin, dass Sie sich bewusst für diesen Beruf entschieden haben – inklusive seiner Rahmenbedingungen.
Gerade in den Ansätzen von Rosenberg und de Shazer geht es darum, das Wort „Muss“ bewusst wegzulassen. Sie betonen, dass wir in vielen Situationen mehr Entscheidungsfreiheit haben, als wir oft denken. Ich habe das inzwischen selbst oft ausprobiert. Und ja, es ist herausfordernd. Aber es macht tatsächlich einen spürbaren Unterschied, wenn man weniger am Tag muss und mehr tut, weil man es wirklich will.
Ich möchte das Haus putzen, damit ich mich in meiner ordentlichen und sauberen Wohnung wohlfühle.
Ich möchte die Wäsche waschen, damit ich frische und angenehme Kleidung tragen kann.
Ich möchte kochen, um mich und meine Familie gesund zu ernähren.
Und wenn ich wirklich mal nicht will? Dann könnte ich mir auch eine Pizza liefern lassen.
Im Alltag finde ich viele Punkte, an denen ich diese Formulierungen gut anwenden kann, und bei mir hat es tatsächlich etwas verändert.
Beruflich bleibt es herausfordernder. Ja, es gibt Deadlines. Ja, man muss bestimmte Regeln umsetzen. Und viele von uns haben feste Arbeitszeiten. Aber selbst hier gibt es mehr Spielraum zwischen den Verpflichtungen, als ich lange gedacht habe.
Ich kann, weil ich will, was ich muss.
Immanuel Kant
Schulalltag ausmisten: Aufgaben hinterfragen und inneren Druck reduzieren
Ich lade Sie ein, Ihren Schulalltag einmal „auszumisten“:
- Was müssen Sie wirklich – gesetzlich, schulrechtlich oder organisatorisch?
- Und was „müssen“ Sie nur, weil Sie es sich selbst so überlegt haben?
Beispiele:
- Ich muss das Klassenzimmer schmücken. Warum?
- Ich muss ein zusätzliches Arbeitsblatt erstellen. Warum?
- Ich muss noch einen Kuchen für das Adventsfrühstück backen. Warum?
- Ich muss noch 24 Adventssäckchen nähen. Warum?
Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihre Antworten bei ehrlicher Betrachtung oft mit einem „Ich will …“ beginnen.
Tipps für Ihren Lehreralltag
1. Formulieren Sie innerlich bewusst um
Streichen Sie das Wort „müssen“ so oft wie möglich – vor allem in Situationen, in denen es keinen äußeren Zwang gibt.
Aus: „Ich muss die Klassenarbeit korrigieren“
Wird: „Ich möchte die Klassenarbeit korrigieren, damit meine Schüler eine zeitnahe Rückmeldung bekommen.“
Das klingt nicht nur anders, es fühlt sich auch anders an.
2. Machen Sie einen „Pflicht–Wahl–Check“
Schreiben Sie zwei Listen:
- Pflichtliste: Dinge, die gesetzlich oder dienstlich vorgeschrieben sind (z. B. Aufsicht, Unterricht, Zeugnisse).
- Wahlliste: Dinge, die Sie tun, weil Sie sie für sinnvoll halten oder weil sie Ihren Ansprüchen entsprechen.
Sie werden überrascht sein, wie viel auf der zweiten Liste landet.
3. Erkennen Sie Ihren eigenen Anteil
Viele Routinen im Lehreralltag beruhen auf unbewussten Entscheidungen:
- zusätzliche Arbeitsblätter
- perfekter Adventsschmuck
- aufwendige Projektmaterialien
- kunstvoll dekorierte Klassenzimmer
Fragen Sie sich: Will ich das wirklich? Oder tue ich es aus Gewohnheit?
4. Setzen Sie klare Prioritäten
Ordnen Sie Aufgaben nach:
- notwendig
- hilfreich
- nett, aber nicht zwingend
Gerade im Dezember lohnt es sich, Dinge aus der dritten Kategorie bewusst loszulassen.
5. Etablieren Sie „Ich entscheide mich dafür …“-Sätze
Das stärkt Ihre Selbstwirksamkeit.
Beispiel: „Ich entscheide mich dafür, heute länger zu bleiben, damit ich morgen ruhig starten kann.“
anstatt „Ich muss heute länger bleiben.“
6. Erlauben Sie sich bewusste Freiwilligkeit
Wählen Sie pro Woche eine Sache, die Sie ganz bewusst wollen, nicht müssen:
- „Ich möchte eine schöne Adventsstunde gestalten.“
- „Ich möchte der Klasse eine ruhige, warme Atmosphäre schaffen.“
So bleibt Ihnen Ihre Freude am Beruf erhalten.
7. Setzen Sie Grenzen – freundlich, aber klar
Gerade vor Weihnachten neigen viele Schulen dazu, immer mehr „Sonderaktionen“ zu planen.
Sie dürfen sagen:
- „Ich schaffe das dieses Jahr nicht.“
- „Ich mache bei dieser Aktion nicht mit.“
Das ist kein Mangel an Engagement, sondern Selbstfürsorge!
8. Automatisieren Sie Entlastendes
Viele „Muss-Momente“ entstehen aus Chaos. Hilfreich sind:
- feste Korrekturzeiten
- ritualisierte Wochenplanung
- Vorlagen für Briefe/Elterninfos
- wiederkehrende Adventsrituale, die wenig Vorbereitung brauchen
Struktur reduziert Druck und damit das Gefühl von „müssen“.
9. Fokus auf das, was Ihnen wichtig ist
Fragen Sie sich regelmäßig:
- Was ist mir wirklich wichtig?
- Und was mache ich nur, weil „man es so macht“?
So entstehen bewusstere Entscheidungen und weniger Zwangsgefühl.
Vielleicht probieren Sie es in den kommenden Wochen einfach aus: Verzichten Sie bewusst so oft wie möglich auf das Wort „muss“, besonders in Situationen, in denen Sie eigentlich aus freien Stücken handeln oder weil es Ihnen wichtig ist. Beobachten Sie, wie sich Ihr Alltag verändert, wenn Sie Aufgaben tun, weil Sie es wirklich wollen, nicht, weil Sie glauben, dass Sie müssen.
Fangen Sie klein an. Formulieren Sie Ihren Tag positiv. Genießen Sie die Momente, in denen Sie aus Überzeugung handeln. Und erlauben Sie sich Pausen, bevor die Belastung zu groß wird. Gerade dazu finden Sie auch viele praktische Gedanken in meinem Artikel „Lehrergesundheit stärken: Warum Selbstfürsorge die beste Prävention ist“.
Und seien Sie bitte nicht zu streng mit sich selbst. Selbst jemand, der das Wort „muss“ bewusst vermeiden möchte, muss manchmal eben doch noch ganz dringend eine Tasse Kaffee trinken, bevor man die nächsten „freiwilligen“ Aufgaben angeht. 😉
So entsteht ein bewussterer, entspannterer Umgang mit den eigenen Verpflichtungen, mehr Freude an der Arbeit und weniger innerer Druck.
Ich wünsche Ihnen eine entspannte und möglichst „muss-freie“ Adventszeit.


















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