Elterngespräche gehören für viele Lehrkräfte zu den größten Herausforderungen im Schulalltag. Warum Elternkritik oft länger nachwirkt, als wir glauben, welche Erfahrungen dahinterstecken und welche Strategien helfen können, souveräner und gelassener mit schwierigen Elternkontakten umzugehen – darum geht es in diesem Blogartikel.
Vor kurzem haben wir den Kindergeburtstag meines Sohnes gefeiert. Und als alle Kinder wieder abgeholt waren, fing es plötzlich bei mir an.

Ich war angespannt und erwartete innerlich schon, dass sich bald die ersten Eltern melden und sich beschweren würden. Dass die Schnitzeljagd zu lange war, dass die Schuhe dreckig geworden sind oder irgendetwas „nicht gepasst“ hat.
Mein Mann schaute mich nur an und meinte: „Was hast du denn? Die Kinder hatten Zeit zusammen und es gab Pommes. Was will man mehr als Kind?“
Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst: Dieses Gefühl kam gar nicht aus meiner Rolle als Mutter. Es kam aus meiner Zeit als Lehrkraft.
Obwohl ich schon seit einigen Jahren nicht mehr aktiv unterrichte, haben sich bestimmte Erfahrungen mit Eltern so tief eingebrannt, dass sie in solchen Situationen einfach wieder hochkommen – selbst fernab von Schule.
Und dabei hatte ich eigentlich nur zwei wirklich große Konflikte mit Elternteilen. Aber manchmal sind es gar nicht die großen Eskalationen, die Spuren hinterlassen. Sondern die vielen kleinen Kommentare:
„Sie haben hier einen Punkt übersehen.“
„Da ist ein Rechtschreibfehler im Arbeitsblatt.“
„Schaffen Sie den Lehrplan überhaupt?“
„Zu viele Hausaufgaben.“
„Zu wenig Hausaufgaben.“
„Zu streng.“
„Zu locker.“
Aus Elternsicht gibt es unendlich vieles, das man kritisieren kann.
Und jetzt, wo ich selbst auf der anderen Seite stehe, merke ich auch, wie schnell man sich von den Meinungen und Dynamiken anderer mitziehen lässt. Wie schnell Gruppendynamiken entstehen können, die eine Lehrkraft kaum noch steuern kann.
Deshalb empfinde ich die Arbeit mit Eltern und die Kommunikation mit ihnen bis heute als eine der herausforderndsten Situationen im Schulalltag.
Und ich schreibe Ihnen das, weil genau dieser Faktor oft viel zu wenig thematisiert wird.
Im besten Fall hat man eine Schulleitung, die hinter einem steht. Die sich schützend vor einen stellt. Die einen aus der Schusslinie nimmt.
Aber das ist leider nicht immer so.
Und vor allem gibt es kaum eine wirkliche Vorbereitung auf Konfliktgespräche mit Eltern. Es ist meistens: Learning by doing.
Natürlich gibt es Menschen, die solche Situationen von Anfang an souverän meistern. Oder die so selbstsicher sind, dass sie Kritik nicht tief trifft.
Aber was ist mit denen, bei denen das nicht so ist?
Mit denen, die vor jedem Elternkontakt Herzrasen bekommen. Die nachts Gespräche im Kopf wiederholen. Die Angstzustände entwickeln. Die sich nach außen professionell zeigen und danach innerlich zusammenbrechen.
Ich kenne das von mir selbst.
Ja, ich wurde mit jedem schwierigen Gespräch souveräner. Ich reflektierte vieles, entwickelte mich weiter und lernte dazu.
Aber ehrlich gesagt: Bis zum Schluss habe ich es nie ganz geschafft, schwierige Elternkontakte wirklich leicht zu nehmen. Nach außen konnte ich ruhig und stark wirken. Aber innerlich hat es oft lange nachgearbeitet.
Irgendwann habe ich gemerkt: Ich kann die Reaktionen anderer Menschen nicht kontrollieren. Aber ich kann lernen, anders damit umzugehen.
Das ist mir nicht von heute auf morgen gelungen. Vieles habe ich erst im Nachhinein verstanden, manches sogar erst in meiner heutigen Arbeit als Coach und Supervisorin. (Warum ich jetzt als Coach arbeite)
Genau diese Dinge möchte ich heute an Sie weitergeben.
Nicht jede Kritik sagt etwas über mich aus
Ich weiß, wie schnell sich fachliche Kritik wie persönliche Kritik anfühlen kann.
Wenn Eltern sagten: „Ich finde die Hausaufgaben zu umfangreich.“ oder „Mein Kind fühlt sich ungerecht behandelt.“ – hörte mein Kopf oft etwas ganz anderes: „Du machst deinen Job nicht gut.“
Damals fiel es mir schwer, das voneinander zu trennen. Ich habe Kritik schnell persönlich genommen und vieles mit nach Hause getragen.
Erst mit der Zeit wurde mir klar: Nicht jede Rückmeldung ist eine Bewertung meiner Kompetenz. Manchmal steckt dahinter Unsicherheit, Frust oder einfach eine andere Sichtweise. Manchmal sagt Kritik mehr über denjenigen aus, der sie äußert, als über mich.
Ein Gedanke hat mir damals sehr geholfen: „Diese Rückmeldung beschreibt die Wahrnehmung einer anderen Person. Sie definiert nicht meinen Wert als Lehrkraft.“
Ich habe mir diesen Satz immer wieder bewusst in Erinnerung gerufen. Nicht weil dadurch plötzlich alles leicht wurde. Sondern weil er mir geholfen hat, innerlich einen kleinen Schritt Abstand zu gewinnen. Und genau dieser Abstand hat vielen Gesprächen ihre emotionale Wucht genommen.
Schwierige Elterngespräche vorbereiten – ohne sich verrückt zu machen
Ich erinnere mich gut an die Abende vor schwierigen Elterngesprächen. Gedanklich habe ich jedes mögliche Szenario durchgespielt, überlegt, was alles passieren könnte. Das Ergebnis war fast immer dasselbe: Ich ging schon angespannt in das Gespräch.
Vorbereitung hat mir Sicherheit gegeben. Grübeln dagegen hat mich nur Kraft gekostet.
Also habe ich angefangen, mich anders vorzubereiten. Statt mir auszumalen, was alles schiefgehen könnte, habe ich mir ein paar einfache Fragen gestellt:
- Was ist mein Ziel für dieses Gespräch?
- Welche Beobachtungen kann ich sachlich schildern?
- Welche Fakten sind wichtig?
- Wo endet meine Verantwortung?
Eine Frage aus dem lösungsorientierten Coaching hat mich dabei besonders begleitet: „Wann ist mir ein schwieriges Elterngespräch schon einmal gut gelungen? Was habe ich damals gemacht? Was war anders?“
Sie richtet den Blick weg von möglichen Problemen und hin zu den eigenen Erfahrungen. Sie erinnert daran, dass man schwierige Gespräche nicht jedes Mal neu lernen muss. Vieles gelingt bereits, man vergisst es nur in stressigen Momenten.
Klare Kommunikation reduziert Missverständnisse
Viele Konflikte, die ich erlebt habe, sind nicht aus bösem Willen entstanden.
Sie sind entstanden, weil Eltern nicht wussten, warum ich etwas so entschieden hatte. Und weil ich davon ausgegangen bin, dass es doch eigentlich klar sein müsste.
War es aber nicht.
Was für mich als Lehrkraft selbstverständlich war, musste für Eltern noch lange nicht nachvollziehbar sein. Unterschiedliche Perspektiven. Unterschiedliche Informationen. Manchmal auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was Schule leisten soll.
Also habe ich angefangen, mehr zu erklären. Nicht weil ich mich rechtfertigen wollte. Sondern weil ich gemerkt habe: Orientierung hilft. Für beide Seiten.
Je transparenter ich meine Entscheidungen kommuniziert habe, desto weniger Raum blieb für Missverständnisse. Und desto leichter konnten Eltern meine Sichtweise nachvollziehen – selbst wenn sie anderer Meinung blieben. (Tipps und Tricks, damit der Elternabend nicht zur Belastung wird)
Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Erklären ist etwas anderes als sich zu rechtfertigen.
Hinter Kritik steckt oft etwas ganz anderes
Eltern kommen nicht als neutrale Gesprächspartner in die Schule. Sie kommen als Mutter oder Vater ihres Kindes. Und damit bringen sie ihre eigenen Erfahrungen, Sorgen, Hoffnungen und manchmal auch Ängste mit.
Hinter einer kritischen Nachfrage steckte oft viel mehr als der eigentliche Inhalt. Vielleicht hatte das Kind zu Hause geweint. Vielleicht fühlte sich ein Elternteil an die eigene Schulzeit erinnert. Vielleicht bestand einfach die Sorge, dem eigenen Kind nicht gerecht zu werden.
Aus dem systemischen Ansatz habe ich eine Haltung übernommen, die mir bis heute hilft: die Person so anzunehmen und anzuhören, wie sie vor mir sitzt – mit ihren Ängsten, Zweifeln, Erwartungen und Erfahrungen. Und zwar OHNE Bewertung.
Das ist die vielleicht größte Herausforderung überhaupt. Aber auf Dauer eine entscheidende. Denn dann gelangt man auf eine sachliche Ebene und begibt sich auf Augenhöhe mit dem Gesprächspartner.
Diese innere Haltung hat meine Gespräche oft mehr verändert als jede Gesprächstechnik. Denn plötzlich musste ich mich nicht mehr verteidigen, sondern konnte gemeinsam mit meinem Gegenüber nach einer Lösung suchen. Nicht immer nach meiner Lösung, sondern nach einer, mit der am Ende alle leben konnten. Und vor allem das Kind.
Empathisch zu sein bedeutet, die Welt durch die Augen der anderen zu sehen und nicht unsere Welt in ihren Augen.
Carl Rogers
Schwierige Elterngespräche: Im Gespräch lieber Tempo rausnehmen
Früher hatte ich in schwierigen Gesprächen das Gefühl, sofort antworten zu müssen. Jede Pause fühlte sich an, als müsste ich sie sofort füllen. Heute weiß ich: Genau dieser Druck führt oft dazu, dass Gespräche unnötig an Spannung gewinnen.
Also habe ich gelernt, bewusst Tempo herauszunehmen. Eine Pause ist erlaubt. Nachfragen ist erlaubt. Gedanken zu sortieren ist erlaubt.
Sätze wie :
- „Ich höre, dass Sie das so erleben. Darf ich Ihnen meine Sicht dazu schildern?“ oder
- „Lassen Sie uns kurz sortieren, was gerade die wichtigsten Punkte sind“
haben mir geholfen, dem Gespräch wieder Struktur zu geben und oft auch die Situation für beide Seiten zu entspannen.
Eine Frage begleitet mich bis heute besonders: „Was wäre für Sie ein gutes Ergebnis aus diesem Gespräch?“
Sie verändert die Richtung. Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer überzeugen muss. Stattdessen richtet sich der Blick auf eine gemeinsame Lösung.
Und noch etwas habe ich mit der Zeit gelernt: Nicht jedes Gespräch muss sofort abgeschlossen werden.
Ein Satz wie „Ich nehme das mit und melde mich bis Ende der Woche.“ ist keine Unsicherheit. Er ist professionelle Gesprächsführung. Manchmal entsteht die beste Lösung erst dann, wenn beide Seiten etwas Abstand gewinnen konnten.
Schwierige E-Mails schreibe ich nie sofort
Dasselbe gilt für E-Mails. Auch dort dürfen Sie zunächst nur schreiben: „Vielen Dank für Ihre Nachricht, ich melde mich morgen bei Ihnen.“
Nachrichten sind deshalb so komplex, weil sich so viele Missverständnisse darin verstecken können. Sie haben nicht in der Hand, wie die andere Person Ihre Antwort liest. Sie wissen nicht, in welcher Verfassung sie gerade ist, wie aufmerksam sie liest. Und in der Wut überliest man selbst bedeutende Worte – wie ein simples, aber so wichtiges „nicht“.
Merken Sie, dass eine Nachricht Sie aufwühlt – antworten Sie nicht direkt. Schreiben Sie zunächst Ihren Frust irgendwo herunter, gehen Sie danach spazieren, atmen Sie durch. Im besten Fall sind Sie danach schon ruhiger. Lesen Sie die Mail dann nochmal und wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie die Nachricht richtig verstehen, fragen Sie eine neutrale Person. Bei mir musste dafür oft mein Mann herhalten. Das hilft, die Emotionen herauszunehmen und sachlich an die Antwort heranzugehen. Und trotzdem: Warten Sie mit dem Absenden bis zum nächsten Tag. Manchmal lösen sich Dinge von selbst.
Noch ein kleiner Tipp, der so manches Missverständnis von vornherein ausschließen kann: Beginnen Sie Elternnachrichten immer gleich und beenden Sie sie immer mit derselben Grußformel. Schreiben Sie in manchen Nachrichten „Liebe Frau …“ und plötzlich nur noch „Hallo“ – das kann beim Empfänger, auch wenn es für Sie nur Zeitgründe waren, eine ganz andere Wirkung entfalten. Vor allem, wenn die Beziehung bereits angespannt ist.
Nach dem Gespräch darf auch Schluss sein
Kennen Sie das? Das Gespräch ist längst vorbei, aber im Kopf läuft es immer noch weiter.
Bei mir war das oft so. Ich habe überlegt, was ich noch hätte sagen können. Welche Formulierung besser gewesen wäre. Ob ich anders hätte reagieren müssen.
Irgendwann habe ich verstanden: Dieses ständige Nachdenken hat nichts mit mangelnder Kompetenz oder Erfahrung zu tun. Mein Kopf hat einfach versucht, ein Gespräch zu verarbeiten, das sich innerlich noch nicht abgeschlossen angefühlt hat.
Also habe ich angefangen, mir nach schwierigen Gesprächen bewusst Zeit für eine kurze Reflexion zu nehmen. Drei Fragen haben mir dabei geholfen:
- Was ist tatsächlich passiert – sachlich und ohne Bewertung?
- Was habe ich dabei gedacht und gefühlt?
- Was möchte ich beim nächsten Mal beibehalten oder anders machen?
Allein das Aufschreiben hat oft schon geholfen. Das Gespräch hatte plötzlich einen Platz außerhalb meines Kopfes.
Danach habe ich ganz bewusst einen Schlussstrich gezogen. Ein Spaziergang. Musik hören. Den Raum wechseln. Etwas Alltägliches tun. Alles, was meinem Kopf und meinem Körper signalisiert hat: Dieses Gespräch ist für heute zu Ende.
Souveränität wächst leise
Schwierige Elterngespräche fühlen sich oft so an, als würde man auf der Stelle treten. Mir ging es jedenfalls lange so. Nach jedem Gespräch habe ich vor allem gesehen, was ich hätte besser machen können. Dass ich gleichzeitig immer sicherer geworden bin, das habe ich kaum bemerkt.
Dabei entwickelt man sich als Lehrkraft ständig weiter. Meistens ganz leise.
Vielleicht führen Sie heute Gespräche deutlich ruhiger als noch vor ein paar Jahren. Vielleicht setzen Sie Grenzen klarer. Vielleicht nehmen Sie Kritik nicht mehr tagelang mit nach Hause.
Diese Entwicklung fällt im Alltag leicht unter den Tisch, weil der Blick so oft auf dem liegt, was noch nicht perfekt ist. Deshalb finde ich es wichtig, sich zwischendurch bewusst umzudrehen und zurückzuschauen:
- Was gelingt mir heute leichter als früher?
- Worauf bin ich inzwischen stolz?
- Welche Situation hätte mich vor einigen Jahren noch deutlich mehr belastet?
Souveränität entsteht selten durch einen großen Durchbruch. Sie wächst in vielen kleinen Erfahrungen. In jedem Gespräch, das man geführt hat. In jeder Situation, die man gemeistert hat. Und in jedem Moment, in dem man merkt: Ich muss nicht perfekt sein, um professionell zu handeln.
Unterstützung ist keine Schwäche
Schwierige Elternkontakte hinterlassen Spuren. Das ist real. Und das ist auch in Ordnung, solange man nicht allein damit bleibt.
Für mich war der Unterschied groß: ob ich abends allein mit dem saß, was mich belastet hat oder ob ich es in einem geschützten Rahmen sortieren konnte. In Supervision, im Gespräch mit einer Kollegin, die versteht, wovon man spricht oder glücklicherweise mit meiner Schulleitung. (Was ist Supervision)
Supervision war für mich nie ein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Professionalität. Denn dieser Beruf verlangt emotional so viel und es macht einen großen Unterschied, ob man das alles allein trägt oder in einem geschützten Raum sortieren kann. (Bin ich eine schlechte Lehrkraft? Warum Coaching kein Makel ist, sondern Stärke zeigt)
Der Umgang damit kann sich verändern. Nicht unbedingt so, dass alles plötzlich leicht wird. Sondern so, dass es weniger nachwirkt. Weniger persönlich wird. Weniger Raum im eigenen Kopf einnimmt.
Das Ziel ist nicht, Kritik egal zu finden oder alles an sich abprallen zu lassen. Das Ziel ist, sich weniger automatisch verantwortlich zu fühlen. Weniger in innere Rechtfertigungen zu geraten. Und schneller wieder in die eigene Stabilität zurückzufinden. Und das ist lernbar – mit Erfahrung, mit Reflexion, mit Unterstützung.
Wenn ich heute an diesen Kindergeburtstag zurückdenke, muss ich manchmal schmunzeln.
Die Kinder hatten Spaß. Die Pommes haben geschmeckt. Und die Eltern? Die haben sich kein einziges Mal beschwert.
Aber dieser Moment hat mir etwas gezeigt, das ich nicht vergessen habe: Wie tief sich manche Erfahrungen eingraben. Wie lange sie bleiben. Und wie wenig wir darüber reden.
Dabei wäre genau das so wichtig.
Nicht das Gespräch darüber, wie man Eltern „richtig handled“. Sondern das ehrliche Gespräch darüber, was es mit einem macht. Was es kostet. Und was hilft.
Das ist es, was ich mir damals gewünscht hätte. Und genau das ist der Grund, warum ich heute Lehrkräfte begleite.





























