Zum Schweigen ‚erzogen‘
„Wir werden ja schon auch irgendwie unbewusst dazu erzogen, dass man alles selber machen soll und man sich keine Hilfe zu suchen hat. Ich selber hab ja früher auch selten über meine Probleme in der Klasse oder mit Kollegen geredet.
Ja mit dir, da ging das einfach, aber mit anderen… Nein! Das hab ich dann doch lieber mit mir selber ausgemacht. Mehr oder weniger gut. Vielleicht wäre es schon gut, wenn man einen neutralen und verlässlichen Ansprechpartner hätte.
Aber ja, das ist dann schon auch wieder schwieriger und man will ja auch nicht negativ beim Schulamt oder so auffallen. Dann wird man vielleicht auch gleich als unfähig abgestempelt.“

Warum wird die kostenlose Supervision nicht genutzt?
Solche oder ähnliche Gedanken habe ich in den letzten Jahren öfters gehört, wenn ich von der Wirksamkeit von Supervision gesprochen habe. Und das ist sehr schade, da tatsächlich auch von staatlicher Seite die Relevanz von Supervision immer mehr gesehen wird.
So bietet zum Beispiel Bayern und auch die Stadt München kostenlose Supervision für Schulleiter*innen und Lehrer*innen an. Aber tatsächlich hab ich bis jetzt erst von nur einer Schulleiterin erfahren, dass sie dieses Angebot genutzt hat.
Hier stellt sich mir die Frage nach dem Warum?
Warum nutzen Lehrkräfte nicht dieses kostenlose Angebot, trotz der Tatsache, dass sie unter den vielen Herausforderungen und Problemen, die sich an de Schulen häufen, leiden – um Lösungsmöglichkeiten zu finden, die ihnen helfen besser mit den Situationen umzugehen oder um allgemein stressresistenter zu werden.
1. Falsche Sichtweise von Supervision als Kontrollinstrument
Gründe hierfür können an der Sichtweise von Supervision als kontrollierendes und überwachendes Instrument gesehen werden. Dabei muss zwischen der nordamerikanischen Berufsbezeichnung Supervisor und der Beratungsmethode Supervision unterschieden werden.
Denn in den USA wird der Supervisor tatsächlich als ein Aufseher bzw. ein Vorgesetzter einer Gruppe gesehen, der vor allem für die Produktivität und das Handeln dieser Gruppe verantwortlich ist. Er hat eine managerähnliche Rolle ohne die Befugnis jemanden entlassen zu dürfen.
Dies steht im Kontrast zur Beratungsmethode Supervision. Deren Ursprünge hatten sich zwar auch aus einem eher administrativen Bereich ergeben und hatte die Arbeit an sich im Fokus, aber schon nach kurzer Zeit entwickelte sich die Supervision, vor allem durch Sigmund Freud, zu einer Beratungsmethode weiter, die die Person an sich in den Vordergrund stellt (Was ist überhaupt Supervision?).
Daraus entstand das heute noch gültige Konzept, dass Supervision als Reflexion des beruflichen Handelns verstanden werden kann. Lesen Sie in meinem Blogbeitrag zur Geschichte der Supervision mehr darüber.
2. Die Angst vor dem Versagen
Meiner Meinung nach entsteht durch diese falsche Vorstellung von Supervision, als Überwachungssystem, schon die erste Hürde, an einer solchen teilzunehmen. Erst recht, wenn Sie vom Schulamt oder anderen staatlichen Stellen angeboten wird. Denn daraus ergibt sich meiner Meinung nach auch schon der zweite Grund, warum sich so viele Lehrerinnen und Lehrer nicht trauen an Supervision teilzunehmen.
Und zwar die Angst des Versagens, des Schwächezeigens. (Lesen Sie dazu: Bin ich eine schlechte Lehrkraft? Warum Coaching kein Makel ist, sondern Stärke zeigt)
Was in diesem Beruf einfach ein sehr großes Thema ist. Das Bild, dass man alleine an der Front kämpft ist so tief verankert im Lehrberuf, dass viele sich lieber krank schweigen, als etwas zu sagen.
Und das ist erschreckend.
Denn erstens es geht sehr, sehr vielen Kolleginnen und Kollegen ähnlich. Und das Wissen, dass viele im gleichen Boot sitzen und schon ähnliches erlebt haben, kann schon ein erster Schritt sein um sich öffnen zu können.
Und zweitens wird so das Problem nicht gelöst, sondern schlimmer. Denn der Vorteil im Austausch von Gleichgesinnten ist nicht nur die Akzeptanz und Bestätigung, dass man nicht versagt hat und es nicht nur an einem selbst liegt, sondern in solchen Gesprächen können auch Lösungsmöglichkeiten und Strategien entwickelt werden, wie man mit der Situation umgehen kann und im besten Fall wie man auch zukünftig besser auf herausfordernde oder belastende Situationen reagieren kann. (Lesen Sie hier mehr dazu: Supervision ist weit mehr als nur Problemlösung)
3. Praxis des allein Kämpfens und Schweigens zählt zur Normalität
Aber ich kann durchaus verstehen, dass sich viele Lehrkräfte nicht trauen offen in ihrem Kollegium oder mit ihrer Schulleitung über Ängste und Probleme zu sprechen, denn es gehört nicht zu gängigen Praxis.
Mir fällt dabei ein Gespräch einer jungen Kollegin ein, die direkt nach dem Referendariat an einer Hauptschule in der 7. Klasse unterrichtete. Es war ein sehr große Klasse mit vielen herausfordernden Schüler*innen, die auch keinen Hehl draus gemacht haben, kein Interesse an dem Fach zu haben. Diese junge Lehrkraft ging nach ein paar sehr fordernden Stunden zu ihrer Schulleitung und bat sie um Hilfe und Unterstützungen, wie sie mit der Klasse klar kommen kann. Die nüchterne Antwort war:
„Ihre Vorgängerin hatte auch keine Probleme mit der Klasse“.
Ich denke, Sie können sich vorstellen, dass diese Lehrkraft von nun an versucht hat irgendwie alleine klarzukommen, denn es wurde ihr klar gesagt, dass SIE das Problem ist und keine Hilfe von anderen zu erwarten hat.
Und ich denke, so lange diese Praxis des allein Kämpfens und Schweigens zur Normalität in deutschen Lehrerzimmern gehört, werden weiterhin wenige Lehrkräfte aber auch Schulleitungen am Supervisionsangeboten von Schulämtern oder anderen staatlichen Organisationen teilnehmen.
Denn die Angst und die Gefahr sich eine Blöße zu geben ist zu groß, dass doch auf irgend einem Weg die Schulleitung oder andere Kollegen davon erfahren und dies sich negativ auf einen selbst auswirkt. Entweder durch Sticheleien oder Mobbing bis hin zur Kompetenzabsprache.
Glücklicherweise gibt es auch überregionale und private Supervisionsanbieter, die einen unterstützen können. Der Vorteil darin besteht, dass diese Person zu 100% neutral agieren kann und keine beruflichen Verwicklungen zu erwarten sind.
Ich hatte mal den gleichen Supervisor wie meine Schulleitung. Sie können sich vorstellen, dass ich in meinen Supervisionsrunden genau darauf geachtet habe, was ich über meine Schulleitung erzähle. Das nur noch am Rande…
Erfolgreiche Supervision benötigt Vertrauen
Weiterhin besteht der Vorteil von privaten Supervisionsangeboten darin, dass Sie sich selbst die Person aussuchen können, die Sie sympathisch finden, die auf Sie so eingeht wie Sie es erwarten und der Sie dadurch auch vollständig vertrauen können.
All dies sind wichtige Bausteine um sich wirklich fallen lassen und offen sprechen zu können. Wenn Sie bei jedem Wort überlegen, wie kommt dies nun bei meinen Gegenüber an oder vielleicht sogar Sachen verschweigen, weil Sie kein Vertrauen haben, wird es schwierig sein, dass der Supervisionsprozess Sie wirklich weiter bringt.
Meiner Meinung nach, ist es sehr ratsam sich unterschiedliche Supervisionsangebote anzuschauen, denn Sie müssen sich wohlfühlen. Aus diesem Grund biete ich auch immer ein kostenloses Kennenlerngespräch an.
Denn es ist sehr wichtig, dass Sie sich wohl, sicher und kompetent beraten fühlen. Nur dann wirkt Supervision richtig und kann langfristig zur Salutogense (Gesunderhaltung) beitragen.
Über Probleme darf man reden!
Sylvia Meran (Coach)

















